Der grosse Wagen

Mittlerweile ein zeitgeschichtliches Dokument aus dem vorletzten Jahr der deutschen Teilung: Am Ende meines Innenarchitekturstudium startete ich – auf der Suche nach dem Wesen des Raumes – zu einer Reise längs des Breitengrades, auf dem die Fachhochschule Hannover lag: N52° 23,5’.
Meine Fundstücke zeigte ich anlässlich meiner Diplompräsentation in einer Installation am 7.7.88 um 22 Uhr in Hannover Herrenhausen: Ein anwesender Schaustellerwagen als Beispiel eines reisenden Raumes auf diesem Breitengrad .
37 Räume mit Affinitäten zum Thema Zeit erscheinen nebenan auf einen Raum aus Stoff unter dem Sternbild des „grossen Wagen“.
37 eigens komponierte Minutenmusiken von Wilfried Michael Zapp geben den illustrierenden Takt für eine Reise von A wie Ost-Berlin bis Z wie Zandvoort.

Denkmodell:

Wir erfahren Räume als Umhüllung, die wir nahe liegender weise vor allem durch ihre Grenzen beschreiben. Die Wände kennzeichnen unseren Bewegungsspielraum, die Decke kennt man nur vom Sehen und der Fußboden verdeckt mehr oder weniger den Abgrund der Erdanziehung.
Die Naturwissenschaft versucht die Grenzen zu sprengen. Die Spezialisierung der Technik als Manifestation naturwissenschaftlicher Erkenntnisse verdeutlicht uns jedoch, dass immer nur neue Teil-Räume entstehen.
So stehen wir nicht nur vor unserer Begrenztheit, sondern auch vor der Wahl: Welche?
Das Streben nach Einheit spiegelt sich in spirituell-religiösen Weltanschauungen, dem exzessiven Gebrauch jeglicher Drogen, aber auch im Versuch, die persönliche Umwelt so schön zu gestalten, dass man dort die freiwillige Begrenzung des Genießens erfährt. Dem Umgang mit Ewigkeit im Religiösen steht beim Genuss das pointierte Erleben des Augenblicks gegenüber. Beide Zeitbegriffe haben keine Richtung. Die Konzentration auf den Augenblick fördert ein Leben in Bildern, da hier Gleichzeitigkeiten möglich scheinen. Im Wohnbereich ist dann der Fernseher das rechteckige Abbild von der großen weiten Welt, im Prinzip abschaltbar. Im Außenbereich vermitteln Verkehrsmittel, allen voran das Auto, die Illusion vom Erleben und Beherrschen großer Räume. Deshalb der große Wagen mit Fernseher als Möglichkeiten gegenüber der Inneneinrichtung als „Tatsache“.
Als eigentlich willkürliche Auswahl, jedoch naturwissenschaftlich fundiert durch den Breitengrad der FH 52° 23,5’ tauchen 37 Räume aus dem Meer der Möglichkeiten auf:

1. Auftauchen: Ostberlin MS Pankow im Seddinsee.

2. Die Grenze überwinden: Bahrdorf, Zollbus

3. Die Zeit beschleunigt: Hehlingen, Gewächshaus

4. Wasserwege, Landwege: Martinsbüttel, Brücke über Mittellandkanal nahe Elbe-Seiten-Kanal

5. Kleine Ewigkeit: Oelerse, Kapelle

6. Zwischen Wolfsburg und Hannover: oder wirklich Immensen? Zugabteil

7. Freie Fahrt für freie Bürger: Aligse, Schützenfest

8. Die blaue Ewigkeit: Misburg, Freibad

9. Die Verwaltung des Fernwehs: Roderbruch, TUI-Cafeteria

10. Wie Sprengel und Ludwig, so auch Bahlsen, ein Unternehmen des (Kunst)Genusses: Oststadt, Sitzungssaal

11. Kurz Zeit+Raum vergessen: Zentrum, Riviera – Club, Arbeitsbereich

12. Time is Money: Stöcken, Tresorraum

13. Turmbau zu Kolenfeld mit Gleitschalung in einer Woche: Silo

14. Hat viel gesehen, wo nichts los ist: Sachsenhagen, Wasserburg von 1240

15. Gestrandete Bewegung: Mittelbrink, Wohnwagen

16. Die Kathedrale der physikalischen Formel P=U⋅I: Petershagen, Kraftwerk, Kühlturm

17. Ewigkeit in einer Nachkriegsstadt: Espelkamp, Kirche

18. 36 Tage × 30 000 Küken =….:Schwagstorf, Hühnerstall

19. Fastfood – Zusammenhang mit 18? Venne, Imbiß

20. Bewegung für Körper, Seele und Geist: Evinghausen

21. Entsorgung bzw. Umsorgung, Müllproblem – Geldproblem: Achmer, Fa. Edelhoff

22. Verbindung der Ebenen: Venhorst, Schleuse

23. Warten auf den Ostfriesenspiess: Emsbüren, Feldscheune, künftige Autobahnraststätte?

24. Das bunte Versprechen vielfältiger Ziele: Nordhorn, Bushaltestelle

25. Verbote unterstützen die Raumbildung: Singraven, Wegkreuzung am Schloss

26. Holländische Gemütlichkeit, Fernsehen auch durch die großen Blumenfenster: Aadorp, Siedlungshaus

27. Cabrio Wohnzimmer: Aadorp, Neubau

28. Genuss. Zur Verlagerung des süßen Augenblicks auf –30° unterkühlt: Hellendoorn, Speiseeisfabrik

29. Ökoruine (im Gegensatz zur Industriebrache): Tongren, Bauernhaus

30. Schaltstelle zwischen ehemaligem Meer und abgedeichtem Meer: De BlocQ van Kuffler, Schleuse, Ijsselmeer – Polder

31. Vorstellung von Amsterdam: Grachten und Hafenrundfahrt

32. „Ich könnte losfahren“: Zwanenburg, Wochenendschiff

33. Stadtausgang / Eingang – Verkehrshindernis: Haarlem, Stadttor

34. Gebaut im Stile Versailles’, umgebaut zur englischen Parklandschaft, dient die Orangerie heute bei beliebigen
35. Festlichkeiten: Elswout, Landgut

36. Bezwingen der Masseträgheit: Zandvoort, Rennstrecke im Tower über der Zeitnahme

37. Die Sehnsucht Meer ist erfüllt, es keimt die Sehnsucht Berge: Zandvoort, Sommerhäuschen
Schönen Gruß von einem alltäglichen Weg in Kanadas Westen: nördl. Kamloops.